Teneriffa, wo die Tinerfeños zuhause sind


Auf den Spuren kanarischer Küche und Kultur

 

Teneriffa bietet weit mehr als die Bettenburgen im Süden und das künstliche Badeparadies in Puerto de la Cruz. Neugierige, die entdecken wollen, wo die Tinerfeños zuhause sind, brauchen nur ein bisschen Zeit, eine detaillierte Straßenkarte und den Mut, die ausgelatschten Touristenpfade zu verlassen.

 

Morgendämmerung in Arafo – das Rütteln auf der holprigen Straße zur Finca holt uns aus dem Halbschlaf. Es ist vier Uhr morgens als wir den Hof von von José Pedro Siliuto in Arafo auf der Ostseite der Insel erreichen. 350 Ziegen grasen genügsam an den kargen Felsen. Die Prachtexemplare liefern bis zu fünf Liter Milch pro Tag. Jeden Morgen zwischen vier und acht Uhr melkt Florentine, Hirte und Finca-Verwalter, mit Frau und Tochter die Tiere. Nach traditionellem, jeder Familie eignen Rezept stellen sie aus der frischen Milch Ziegenkäse her. Bereits nach 20 Minuten hat sich die feinflüssige Molke von der festen Substanz abgesetzt. Geheimnis für die schnelle Gerinnung ist das Pulver, das Florentine aus dem getrockneten Magen eines Zickleins gewinnt. Voraussetzung: Bis zum Schlachten darf das Jungtier ausschließlich mit Muttermilch genährt werden. So entsteht eine natürliche Fermentierung. Besonders wichtig sind die warmen Hände, die den Käse immer wieder wenden. Die Molke wird abgeschöpft und der Käse in Form gepresst – über das schräge Brett läuft die restliche Molke ab. Jetzt wird der Käse nur noch gesalzen. Ein Schild, auf den Boden des Käses eingestanzt, lässt den Hersteller erkennen. Danach wandert der Frischkäse in den Kühlschrank.

Zweimal in der Woche fährt José Pedro die frische Ware zum Merca Tenerifeño in Hoya Fria. Er verkauft seinen Käse an einen Händler von La Palma, der auf dem Markt einen festen Stand hat. Dann widmet sich der Landwirt und Kaufmann gerne seinem Hobby - dem Garten an seinem Haus in Arafo. Er hat uns eingeladen, sein Paradies zu besuchen. „Der Garten ist mein Supermarkt und meine Apotheke zu gleich“ erklärt er. Als wir den Garten betreten, merken wir, was er wohl gemeint hat. Dicke Papayas, Avocados und Orangen hängen prall von den Bäumen und Sträuchern. Doch auch weit exotischere Früchte wie die aus Kuba stammende Guave und viele Heilkräuter gedeihen auf seinem Grund. Besondere Aufmerksamkeit widmen wir der süßen Kartoffel. „Ihr Name ist Patata Oboniato“ ,sagt der Hobbygärtner. Sie schmeckt roh fast wie ein Apfel und die Schale wird an die Haustiere verfüttert. Das süße Innenleben indes wird für die Truchas - eine Art Apfeltaschen - verwendet. Die Bäckerei Boleria Justa in Arafo ist für die besten Truchas auf der Insel bekannt. Jeden Freitag durchzieht den ganzen Ort der Duft dieser Köstlichkeiten. In der Winterzeit gibt’s das traditionelle Gebäck fast  täglich aus dem Familienbetrieb.

 

Traditionelles ganz anderer Art wird einmal im Jahr in der lebendigen Hauptstadt gefeiert – der Carnaval de Teneriffe. 14 Tage hält der ritmo die Hafenstadt in Atem. Selbst eingeschworene Nicht-Karnevalisten werden von den bunten Kostümen der Karnevalsprinzessinnen begeistert sein. Bis zu 20 Kilo balancieren die jungen Frauen auf dem Kopf. Die Gala der Königinnen-Wahl bildet den Auftakt für das Spektakel. Dabei überbieten sie sich in Farben und Üppigkeit der Kostüme. Der Teneriffa-Karneval hat eine lange Tradition und konnte sich auch in der gestrengen Franco-Zeit - als Winter-Fest getarnt - erhalten. Er wird übrigens als Live-Schaltung sogar nach Rio übertragen.

Die enge Verbundenheit der Kanaren mit Lateinamerika hat Tradition. Viele Canarios wanderten nach Venezuela aus, um Geld und Karriere zu machen. Einige kamen zurück und brachten ein Stück südamerikanische Kultur in die alte Heimat. Salsa bringt das Canario-Blut im Karneval zum Kochen. Der Funke springt von der Bühne auf die Tausende in den Straßen über. In der Stadt bewegt sich alles im ritmo de carnaval: die kreativ-spontane Illusion schwelgt in Freude, Fantasie, Farbe und Federn. Straßenumzüge unter verschiedenen Mottos, eine Oldtimer-Rallye und Kostüm-Prämierungen - jeden Tag steht ein anderer Anlass auf dem Programm. Bis am letzten Tag die Sardine, Don Karneval, symbolisch zu Grabe getragen wird.

Folgen dürfen dem Grabeszug nur Geistliche und Frauen. Laut weinend begleiten die Kostümierten den Leichenwagen zum Plaza España. Mit einem Riesen-Feuerwerk wird der Karneval der Santacruzedos beendet. Am Tag danach heißt es: aufräumen. Wem es jetzt nach Ruhe und Erholung ist, braucht nicht weit zu fahren. Der künstlich angelegte Strand Las Teresitas bildet das ideale Terrain. Teneriffas schönster Strand ist einen Kilometer lang. Feiner, gelber Sand und Palmen säumen die - hier ruhigen - Gestade

Vier Millionen Sandsäcke wurden 1975 aus der Sahara heran geschippert. Las Teresitas ist damit der größte, jemals von Menschenhand geschaffene Strand. Wer den Beach einsam wie hier erleben will, muss schon unter der Woche kommen, denn am Wochenende ist in Santa Cruz’ Naherholungsgebiet kaum ein Stehplatz zu ergattern.

 

Auch Kulinarisch liegt man hier richtig. Nur einige hundert Meter entfernt liegt das Fischer-Örtchen San Andres, wo in den zahlreichen Restaurants fangfrischer Fisch angeboten wird. So richtig einsam und zuweilen ein wenig gruselig wird’s im Anaga-Gebirge, dessen zerklüftete Silhouette sich direkt hinter San Andres erhebt. Über den scharf-gezackten Bergen ziehen die Wolken, inszenieren ein faszinierendes Schattenspiel und verfangen sich in der Bergwelt. Vom vielen Wasser, das die bemoosten Bäume aus den Wolken melken, ist die Landschaft saftig grün. Im Mercedeswald wechseln sich meterhohe Baumheide und dichter Lorbeer mit Farn und dem löwenzahnähnliche Sonchus ab. Immer wieder locken steile Straßen zu einem Ausflug in kleine Orte und an die felsige Küste. Versuchungen, denen der Besucher getrost nachgeben kann, denn weitab von Tourismus und Großstadtlärm hat sich noch das Urwüchsige bewahrt. Wie in Taganana. Der Name bedeutet in der Sprach der Ureinwohner (Guanchen): Land der Felsen. Es ist ein Vergnügen, vorbei an der Kirche Nuestra Señora de las Nieves (Frau des Schnees) durch die engen Gassen mit weißen Häusern und Kopfsteinpflaster zu spazieren.

Felsig-zerklüftet ist die Küste bei Taganana in Playa San Roque. Die Natur bietet hier ein besonderes Klang- und Schauspiel vor unwirtlichen Hintergrund. Eine Region der Insel, die glücklicherweise vom Tourismus noch nahezu unberührt blieb.

 

Ähnlich wie die Universitätsstadt La Laguna am Süd-Ende des Anaga-Gebirges. Dem spanischen Kolonialstil des späten Mittelalters entsprechend, wurden die Straßen schachbrettartig angelegt. Diese Grundform blieb bis heute erhalten. La Laguna wurde 1496 vom spanischen Eroberer Alonso Fernandez de Lugo gegründet. Die Stadt war die erste spanische Gründung ohne Stadtmauern. Seit 1818 ist die ehemalige Hauptstadt Bischofssitz. Mittelpunkt und geschäftigster Ort der Stadt ist der Platz der Führenden: Plaza de Adelantado. Der schattige Platz ist umringt von steinernen Zeugen aus dem 16. Jahrhundert:´Das Kloster Santa Catalina mit zwei wuchtigen Holzportalen, die wie der große Holz-Söller mit typisch kanarischer Kassetten-Ornamentik versehen sind. Der Palacio de Nava stammt aus der Zeit des spanischen Kolonial-Barocks. Der angestaubte, repräsentativste Profanbau der Stadt besteht aus mächtigen graubraunen Quadern. Der Blick ins Detail wertet den sonst eher schmucklosen Bau auf. Im Detail und der bunten Fassade steckt auch der Charme des Kulturhistorischen Museums der Stadt.

Das meist verehrte Christusstandbild der Kanaren verbirgt sich hinter dem unscheinbaren Gemäuer der Wallfahrtskirche Santuario del Cristo. Jedes Jahr am 14. September pilgern Tausende von Gläubigen hierher, um die Statue, die 1520 vom Eroberer de Lugo gebracht wurde, zu huldigen.

Zentraler Ort der Geschichte und des Glaubens ist die Kathedrale Los Remidos. Das

neoklassizistische Äußere aus dem Jahr 1515 - mit Kuppel und zwei Türmen - wurde erst Anfang dieses Jahrhunderts wieder aufgebaut. Von der Kathedrale weg, vorbei am Teatro Leal mit der Jugendstil-Fassade führt die Calle Obispo Rey Redondo - kurz nur Calle Carrera genannt - zur ältesten Kirche von La Laguna, der EIglesia de Nuestra Señora de La Concepcion”. Das 1502 errichtete Gebäude hat bereits den

dritten Turm und wurde erst 1974 völlig renoviert. still ist es am Wochenende im Garten des Instituto de Canarias mit seinem Drachenbaum und den typischen Holzbalkonen. Einstmals war es das einzige Gymnasium des Archipels. In der mittelalterlichen Stadt scheinen die Uhren der Neuzeit noch nicht zu ticken. Zur

Wahrung des eigenen Kulturguts wird in La Laguna auch heute noch Palo, das Stock-Spiel der Guanchen als Universitätssport trainiert. Jeden Sonntag um 11 Uhr treffen sich die Studenten im Stadion Manzanilla, um die altkanarische Fechtart wieder auf leben zu üben. Wettkampfmäßig wird Stockspiel heute nicht mehr praktiziert.

 

Auf dem Weg von La Laguna in Richtung Norden säumen riesige Wein-, Getreide-, Kaffee- und Strelitzienfelder die Straße. In Punta Hidalgo - der Landspitze des Edelmannes - scheint dann die Welt zu Ende. Genau dort, wo der Musiker El Puntero - der Behütete - sitzt, heißt es im Wendekreis: umdrehen. Zurück durch den Ort, der durch seine Musiker bekannt geworden ist. Der bekanntesten Folklore-Gruppe Los Sabandeños hat die Stadt am Ortseingang ein etwas eigenwilliges Standbild gesetzt: ein typischer Hirten-Poncho in dem eine Timple - die kleine kanarische Gitarre - steckt.

Im Valle de Guerra - im Tal des Krieges - spielt der Tourismus eine geringe Rolle. Dennoch ist in einem der schönsten Landhäuser der Region - dem Casa De Carta - ein ethnographisches Museum gegründet worden. Im Haus mit der typischen kanarischen Architektur mit Innenhof und Balkonen wird auf eindrücklich Weise dokumentiert, wie die Tinerfeños in den letzten Jahrhunderten gelebt haben. Wohn- und Kücheneinrichtungen schaffen einen lebhaften Eindruck von der Lebensart der Inselbewohner. Uns interessierte besonders die Gofio-Mühle, mit der schon die Guanchen ihr Grundnahrungsmittel - das Gofio gemahlen haben. Was früher nur mühevoll von Hand ging, wird heute von Maschinen erledigt. Denn Gofio - der  Brotersatz der Kanaren - gehört immer noch zu den Grundnahrungsmitteln. In der Gofio Mühle von Francisco und Carmen Hernandez schauten wir zu, wie aus Weizen und Mais das Gofio-Mehl gemacht wird. Das Verfahren - eigentlich mit unseren Mühlen fast identisch - hat nur zwei Unterschiede: das Getreide wird vor dem Mahlen geröstet und der Teig wird nicht gebacken. Früher führten die Hirten Gofio in einem Ziegenledersack mit. Wenn sie Hunger bekamen, mischten sie etwas Wasser oder Milch ins Mehl und kneteten den Teig solange auf den Knien bis sie daraus Kügelchen formen konnten.

Heute hat Gofio auch in der spanischen Haute Cuisine wieder Einzug gehalten.  Amos vom gleichnamigen Edelrestaurant in Santa Cruz erklärt das einfache Rezept: „Etwas Salz und Wasser in eine Schüssel, das Gofiomehl dazu und alles gut durchkneten. Das ist das ganze Geheimnis vom Gofio-Brot.“ Je nach Geschmack mischt der Gastwirt auch Fischsut, scharfe Pepperonis oder Knoblauch in den Teig. Gofio mit Zucker gemischt und zu Rotwein gelöffelt hat übrigens auch seinen Reiz.